Henryk M.
Broder
Die
Bürokratie erlebt ihre Brunftzeit
Alles in mir
rebelliert, wenn ich nur das Wort Corona höre. Die Atemwege, der Magen und vor
allem die Galle. Ich bekomme keine Luft, das letzte Nachtmahl bahnt sich wieder
den Weg nach oben, und das Weiße in meinen Augäpfeln färbt sich gelb ein. Am
schlimmsten wird es, wenn ich einen der Bauchredner der Kanzlerin,
Wirtschaftsminister Altmaier oder Kanzleramtschef Braun, im Fernsehen erlebe,
was praktisch jeden Tag, manchmal auch mehrmals täglich passiert, weil es der
Job der beiden ist, alles, was die Kanzlerin tut oder unterlässt, zu einem
Erfolg zu verklären.
Die
Regierung arbeite Tag und Nacht zum Wohle der Menschen, und wenn es mal
irgendwo hakt oder ruckelt, dann nur deswegen, weil die Bürger die Regeln nicht
ernst nehmen, das Abstandsgebot in überfüllten Bussen und Bahnen missachten,
die Maskenpflicht im Freien ignorieren oder wilde Partys mit den Nachbarn
feiern. Im Gegensatz zu der Bevölkerung mache die Regierung alles richtig, es
gebe keinen Grund, ihr Versagen vorzuwerfen, das sei falsch und unfair.
Zuletzt habe
ich Staatsminister Braun bei „Anne Will“ gesehen. Als Erstes fiel mir auf, wie
ordentlich frisiert er war. Rund um die Ohren lag eine haarfreie Zone, im
Nacken war nicht einmal der Ansatz eines Flaums zu erkennen. Sieht so ein Mann
aus, der seit über vier Wochen nicht mehr beim Friseur war? Hat er ein paar
Reserveaugen im Hinterkopf, schneidet er sich die Haare selber, oder gibt es
eine Ausnahmeregelung für wichtige Funktionsträger?
Wie die
Weinkönigin von Traben-Trarbach
Auch die
Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, die per Video
zugeschaltet war, sah aus, als käme sie gerade von einer längeren Sitzung beim
Figaro ihres Vertrauens. Es muss Stunden gedauert haben, sie dermaßen
aufzuhübschen, dass sie auch an einem der rheinland-pfälzischen Wettbewerbe zur
Weinkönigin von Traben-Trarbach oder Meckenheim hätten teilnehmen können, wären
sie nicht alle coronahalber abgesagt worden.
Solche
Petitessen treiben mich in eine Raserei, die ich nur mühsam unterdrücken kann.
Offenbar gilt in Deutschland wieder die Regel: „Quod licet Iovi, non licet
bovi“, eine römische Weisheit, die auch in der DDR praktiziert wurde, wo sich
das einfache Volk langweilige DEFA-Filme ansehen musste, während die
Angehörigen des Zentralkomitees und anderer Parteiorgane Zugang zu
Russ-Meyer-Videos hatten.
Auch der
neue deutsche Alltag wird immer absurder. Blumenläden zum Beispiel dürfen nicht
öffnen, aber jede EDEKA-Filiale darf Blumen verkaufen, und viele tun es auch.
Sollte es jemals ein Ende des Lockdowns geben, was ich bezweifle, werden die
großen systemrelevanten Supermärkte die kleinen Konkurrenten vom Markt gefegt
haben. Da hilft auch kein Jammern und kein Klagen über die „Verödung“ der
Innenstädte und keine „Paketsteuer“ auf Einkäufe im Internet.
Mein
Reparaturschneider, der auch eine Reinigung betreibt, erzählte mir, er dürfe
weiterhin Hosen, Jacken und Röcke annehmen – aber nur zum Reinigen, nicht zum
Reparieren. „Wo liegt der Unterschied?“, fragte er mich. Ich konnte ihm keine
Antwort geben.
Kaffeesatz-Journalismus
im Dienst staatlicher Propaganda
Ich würde
gerne wissen, wer sich alle diese Regelungen ausdenkt, wie viele hundert oder
tausend Beamte damit beschäftigt sind, Listen aufzustellen, was erlaubt und was
verboten ist und welche Ausnahmen wann gelten. Derzeit darf nicht einmal unsere
Lola zum Hundefriseur, obwohl Haustiere nicht als Corona-Verbreiter gelten. Die
Bürokratie erlebt ihre Brunftzeit.
Eine innere
Stimme sagt mir, dass nicht nur die Pandemie, sondern auch der Kampf gegen sie
aus dem Ruder gelaufen ist. Wie kommt z.B. eine Meldung zustande, die am
Montagabend in den „Tagesthemen“ verlesen wurde?
„Während der
deutschlandweiten Corona-Impfungen könnte es massive Störversuche geben, so die
Befürchtung des Innenministeriums. Zwar gebe es noch keine konkreten Hinweise
auf Störaktionen, so die Bundesregierung, es bestehe jedoch eine, so wörtlich,
abstrakte Gefährdung für Pharma-Unternehmen, Impfzentren, Transporte und
Lagerstätten. Im Inland gehe sie von Impfgegnern, Corona-Skeptikern und
Verschwörungstheoretikern aus. Hinzu komme das Risiko von Spionage- und
Sabotage-Versuchen ausländischer Geheimdienste.“
Das ist
Kaffeesatz-Journalismus im Dienst staatlicher Propaganda. Zwar gebe es noch
keine Hinweise auf Störaktionen, aber doch eine Gefährdung, die so hochgradig
abstrakt ist, dass nicht einmal gesagt wird, worauf diese Einschätzung beruht.
Auch in der DDR, der polit-pädagogischen Heimat der jetzigen Bundeskanzlerin,
herrschte allzeit eine abstrakte Gefährdungslage, nur dass sie nicht von
Impfgegnern, Corona-Skeptikern und Verschwörungstheoretikern ausging, sondern
von „Faschisten“, „Imperialisten“ und anderen „feindlich-negativen Kräften“,
die eine Gefahr für den Bestand der DDR darstellten.
Die Zeiten
ändern sich, die Tradition lebt weiter.
Henryk M.
Broder (Zürcher Weltwoche)