NZZ-GASTKOMMENTAR
Die Idee vom «richtigen»
Sozialismus ist ein Irrglaube, der niemals stirbt
Unsere Zeit verzeichnet
ein gedankliches Comeback des Sozialismus. Weshalb wollen so viele
Intellektuelle aus den mannigfachen Beispielen, wo mehr Kapitalismus zu mehr
Wohlstand führte, keine Lehre ziehen?
Von Rainer Zitelmann
Neue Zürcher Zeitung,
Donnerstag, 21.10.2021
Nachdem ausnahmslos alle
sozialistischen Experimente in den vergangenen hundert Jahren gescheitert sind,
sollte klar sein, dass wir keine neuen brauchen. Aber mit zunehmendem Abstand
vom Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und
Osteuropa erfährt sozialistisches Denken eine erneute Renaissance. Einer der
angesehensten zeitgenössischen linken Philosophen, der Slowene Slavoj Zizek,
plädiert unverdrossen für einen «neuen Kommunismus». Er fordert, die gesamte
Linie antiliberaler Denker einer geschlossenen Gesellschaft, angefangen mit
Platon, zu rehabilitieren. «Was wir heute brauchen», so schreibt er in seinem
neuen Buch, «ist eine Linke, die ihren Namen zu nennen wagt, keine Linke, die
ihren Kern schamhaft mit einem kulturellen Feigenblatt verhüllt. Und dieser
Name lautet Kommunismus.»
Die Linke solle endlich
den sozialistischen Traum eines «gerechten» Kapitalismus aufgeben und
radikalere, «kommunistische» Massnahmen ergreifen. Ziel: «Die gegnerische
Klasse muss zerstört werden.»
Zizek feiert «Lenins
Grösse», die darin gelegen habe, dass er nach der Machtergreifung der
Bolschewiki am Sozialismus festhielt, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht
gegeben waren. Den «Grossen Sprung nach vorne» unter Mao Ende der fünfziger
Jahre solle man als «schlummernde Möglichkeit zur Kenntnis nehmen», direkt den
Kommunismus anzustreben. Offenbar setzt der Philosoph darauf, dass seine Leser
nicht wissen, dass bei diesem grössten sozialistisch-kommunistischen Experiment
in der Menschheitsgeschichte 45 Millionen Menschen umgekommen sind.
Einhegung des
Kapitalismus?
So radikal und offen wie
Zizek formulieren es nur wenige. Manche Gegner des Kapitalismus sprechen heute
nicht mehr davon, dass der Kapitalismus abgeschafft werden müsse, sondern
fordern seine «Einhegung», «Korrektur» oder «Verbesserung». Der Kapitalismus
wird zum wilden Tier («Raubtierkapitalismus»), das gezähmt werden müsse.
Intellektuelle denken sich ständig neue Konzepte für eine «Verbesserung» des
Wirtschaftssystems oder die Begrenzung seiner «Übel» aus.
Die Intellektuellen, die
glauben, ein Wirtschaftssystem am Reissbrett konzipieren zu können, unterliegen
dem gleichen Irrglauben wie jene, die meinen, man könne eine Sprache künstlich
konstruieren – all dies erfolgt stets unter der Überschrift der Gerechtigkeit
oder Gleichheit.
Das jüngste Beispiel
dafür ist Thomas Piketty. In seinem vielbeachteten Werk «Das Kapital im
21. Jahrhundert» hatte er noch betont: «Ich gehöre zu dieser Generation,
die erwachsen wurde, als sie im Radio vom Zusammenbruch der kommunistischen
Diktaturen hörte, und die nicht das Geringste für diese Regime und das
Sowjetsystem übrighatte oder ihnen nachtrauerte. Ich bin immun gegen die
herkömmlichen und wohlfeilen antikapitalistischen Diskurse, die zuweilen dieses
gewaltige historische Scheitern ignorieren und sich nicht die intellektuelle
Mühe geben, diese Diskurse zu überwinden.»
Das klingt auf den
ersten Blick harmlos. Tatsächlich ist Piketty jedoch ein radikaler
Antikapitalist und Verfechter des Sozialismus. In typisch konstruktivistischer
Manier denkt er sich ein ideales Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aus, das
er als «partizipativen Sozialismus» bezeichnet. Im Kern geht es ihm darum, das
«gegenwärtige System des Privateigentums» zu überwinden.
Privateigentum
abschaffen
Konkret soll das so
aussehen: Jeder junge Erwachsene soll im Alter von 25 Jahren vom Staat einen
hohen Geldbetrag geschenkt bekommen. Finanziert werden soll das durch eine
Vermögenssteuer, die in der Spitze 90 Prozent für die höchsten Vermögen
beträgt. Auch Erbschaften werden mit bis zu 90 Prozent besteuert. Natürlich
soll es auch eine entsprechend hohe Steuer auf die laufenden Einkünfte geben,
die ebenfalls in der Spitze bis zu 90 Prozent betragen soll. Dieser Steuersatz
wird auf sämtliche Arbeitseinkommen angewendet, aber auch auf Dividenden,
Zinsen, Mieten, Gewinne usw.
Um das Privateigentum
abzuschaffen, will Piketty bei den Aktiengesellschaften eine Regelung
einführen, die auf den ersten Blick an die deutsche Mitbestimmung mit
paritätischer Besetzung des Aufsichtsrates erinnert. Diese Regelung habe
jedoch, so Piketty, den Nachteil, dass bei Stimmengleichheit die Stimmen der
Aktionäre den Ausschlag geben. Dieser «Nachteil» (dass also der Eigentümer eine
Restkontrolle über sein Eigentum erhält) soll dadurch beseitigt werden, dass
die Stimmrechte eines Aktionärs nicht mehr an die Höhe seiner Kapitaleinlage
gekoppelt sein sollen. Bei Einlagen von mehr als 10 Prozent des Kapitals wäre
nur ein Drittel der Einlagen oberhalb dieser Schwelle mit Stimmrechten
versehen.
Piketty ist klar, dass
die Eigentümer ein solches Land schleunigst verlassen würden. Um das zu
vermeiden, müsste der Staat eine «exit tax» (zum Beispiel von 40 Prozent)
einführen. Faktisch handelt es sich um eine «fiskalische Mauer», die
Unternehmer und andere vermögende Personen, die keine Lust haben, in Pikettys
«partizipativem Sozialismus» zu leben, daran hindert, das Land zu verlassen.
Pikettys
Beispiel belegt: Versuche, die zunächst scheinbar harmlos mit der Absicht
daherkommen, den Kapitalismus zu «verbessern», zu «korrigieren» oder zu
«reformieren», enden immer wieder im lupenreinen Sozialismus und in der
Unfreiheit.
Der
Unterschied zum herkömmlichen Sozialismus besteht lediglich darin, dass das
Privateigentum nicht mit einem Schlag durch Anordnung einer Partei
verstaatlicht wird, sondern dass das gleiche Ziel über den Lauf einiger Jahre
mit den Mitteln des Steuerrechts und des Gesellschaftsrechts erreicht wird.
Eine
gescheiterte Idee, die niemals stirbt
Der
deutsch-britische Ökonom Kristian Niemietz zählt insgesamt 24 sozialistische
Experimente, die alle ausnahmslos gescheitert sind («Sozialismus. Die
gescheiterte Idee, die niemals stirbt»). Hegel meinte in seinen Vorlesungen
über die Philosophie der Geschichte: «Was die Erfahrung aber und die Geschichte
lehren, ist dies, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte
gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt
haben.»
Vielleicht
ist dieses Urteil zu streng. Aber in der Tat sind die meisten Menschen nicht in
der Lage, bestimmte historische Erfahrungen zu verallgemeinern.
Bevor
der Kapitalismus entstand, lebten die meisten Menschen auf der Welt in extremer
Armut – 1820 betrug die Quote noch 90 Prozent. Heute ist sie unter 10 Prozent
gesunken.
Das
Bemerkenswerte: In den letzten Jahrzehnten, seit dem Ende des Kommunismus in
China und anderen Ländern, hat sich der Rückgang der Armut so stark
beschleunigt wie in keiner Phase der Menschheitsgeschichte zuvor. 1981 lag die
Quote noch bei 42,7 Prozent, im Jahr 2000 war sie bereits auf 27,8 Prozent
gesunken, und 2021 lag sie bei nur noch 9,3 Prozent.
Aus
den mannigfachen Beispielen, wo mehr Kapitalismus zu mehr Wohlstand führte,
wollen viele Menschen nicht die naheliegenden Lehren ziehen, ebenso wenig wie
aus dem Scheitern aller jemals auf der Welt probierten
Varianten des Sozialismus.
Auch
nach dem Zusammenbruch der meisten sozialistischen Systeme Anfang der neunziger
Jahre wird regelmässig erneut irgendwo auf der Welt versucht, die
sozialistischen Ideale umzusetzen.
Venezuela zum
Beispiel
Dieses Mal soll es
besser gemacht werden. Zuletzt geschah das in Venezuela, und wieder einmal
waren viele Intellektuelle in den westlichen Ländern wie den USA oder
Deutschland verzückt von dem Experiment, den «Sozialismus im
21. Jahrhundert» zu verwirklichen.
Sahra Wagenknecht pries
Hugo Chávez als «grossen Präsidenten», der mit seinem ganzen Leben für den
«Kampf um Gerechtigkeit und Würde» gestanden habe. Chávez habe bewiesen, dass
«ein anderes Wirtschaftsmodell möglich sei», so schwärmte Wagenknecht.
Auch in den USA hatte
Chávez unter den Linksintellektuellen viele Bewunderer. Einer ihrer
prominentesten Köpfe, der 2016 verstorbene Tom Hayden, erklärte: «Ich sage
voraus, dass der Name von Hugo Chávez von Millionen verehrt werden wird, je
mehr Zeit vergeht.» Ein anderer tonangebender Linksintellektueller, der
Princeton-Professor Cornell West, bekannte: «Ich liebe es, dass Hugo Chávez die
Armut zur obersten Priorität gemacht hat. Ich wünschte mir, Amerika würde die
Armut zur Priorität machen.»
Die Folgen des
Experiments waren – so wie bei anderen, vorangegangenen sozialistischen
Grossversuchen – katastrophal. Und die Linksintellektuellen sagen uns, was sie
seit hundert Jahren nach jedem Ende eines gescheiterten sozialistischen
Experimentes sagen: «Das war nicht der richtige Sozialismus.» Beim nächsten Mal
soll es dann klappen.
Der Autor
des NZZ-Gastkommentators Dr. Rainer
Zitelmann ist Historiker, Soziologe und Buchautor.