Die alte Linke gewinnt die Wahl, die neue
Linke den Kulturkampf
Von Eric Gujer, Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung»
«Wer mit 20 Jahren kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer
mit 30 Jahren noch Sozialist ist, hat keinen Verstand.» Der Ausspruch
wird vielen Autoren zugeschrieben, auch Winston Churchill. Dies legt den
Schluss nahe, dass schon vor Erfindung der sozialen Netzwerke Emotionen
über den Verstand siegten. Daher soll es nicht um die grüne
Jungpolitikerin Sarah-Lee Heinrich gehen, die als Teenager
Gewaltphantasien bei Twitter postete. Pubertäre Entgleisungen gab es zu
allen Zeiten. Neu ist der Umgang mit ihnen.
Linke Kreise haben im Internet den Pranger wieder salonfähig
gemacht. Wer immer eine vom rot-grünen Mainstream abweichende Meinung
kundtut, sieht sich zuverlässig dem Vorwurf ausgesetzt, er sei rechts.
Das meint in aller Regel: rechtsextrem oder mindestens
rechtspopulistisch. Die Schriftsteller Uwe Tellkamp und Monika Maron
können ein Lied davon singen.
Das Denunziantentum griff die AfD begierig auf. Inzwischen
ist der neue Kulturkampf allerdings bis in die bürgerliche Mitte
vorgedrungen. Diese Umgangsformen haben sich durchgesetzt, und das ist
eine Niederlage für alle, welche die von links und rechts im Internet
inszenierten Saalschlachten ablehnen.
Der Kulturkrieg frisst seine Krieger
Statt geistige Verwirrungen wie «Ich werde dich finden, und
anspucken, dann aufhängen mit einem Messer anstupsen und bluten lassen»
auf sich beruhen zu lassen, wurde der Twitter-Post der damals 14-jährigen
Heinrich wieder ausgegraben, als diese Vorsitzende des grünen
Jugendverbandes wurde.
Dass Heranwachsende Anspruch auf einen Schutzraum haben,
dass es zur Adoleszenz gehört, auch extreme Ansichten auszuprobieren –
das ging im Empörungssturm unter, gerne begründet mit dem dümmsten aller
Argumente. So hiess es, wenn man ähnliche Posts eines konservativen
Jungpolitikers entdeckt hätte, wäre die Meute mit Gusto über ihn
hergefallen. Das stimmt, aber mit der Argumentation sind in der
Geschichte schon viele Perversionen gerechtfertigt worden. Daher
verbietet sich auch Schadenfreude, weil der inquisitorische Stil des
Kulturkrieges diesmal auf eine seiner Kriegerinnen zurückfällt.
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Diese Diskussionskultur kommt
den politischen Rändern zupass, der AfD natürlich, aber auch der
Linkspartei, woken Sozialdemokraten und linken Grünen. Immerhin nannte
Heinrichs Co-Vorsitzender Timon Dzienus den FDP-Chef Christian Lindner
auf Twitter einen «rechten Kotzbrocken» und eine «gelbe Null» – und das
nicht als Pubertierender, sondern in einem Alter, in dem Gleichaltrige
mit Lehrabschluss oft schon eine Familie gegründet haben.
Wenn die Heinrich-Affäre überhaupt zu etwas nutze ist, dann
ausschliesslich dazu, um daran zu erinnern, dass die künftige
Regierungspartei seit ihrer Gründung radikale Strömungen duldet. Winfried
Kretschmann und Jürgen Trittin, ein Ministerpräsident und ein früherer
Bundesminister, sind die letzten Relikte der bei den Grünen ehemals
mächtigen kommunistischen Sekten. Pol Pot, Mao oder Stalin: Damals wurde
jeder Schlächter verehrt, solange er sich ein marxistisches Mäntelchen
umhängte.
Heute flirten die Grünen auch mit dem Teil der
Umweltschutzbewegung, der Gewalt (als «Gewalt gegen Sachen» verharmlost)
ebenso gutheisst wie den Sturz der liberalen Wirtschaftsordnung. Die
Verhöhnung der «Altparteien» hat nicht die AfD erfunden, sondern diente
den Grünen einst zur Verächtlichmachung der parlamentarischen Demokratie.
Der Machtanspruch ist nicht zu überhören
Die radikale Rede nutzt den Radikalen. Die permanente
Empörung ist damals wie heute das bevorzugte Mittel, um die etablierte
Ordnung zu bekämpfen. Vorgetragen wird sie meist mit einem
hochmoralischen Gestus, der nur ein einziges Ziel hat: Feindbilder zu
schaffen.
Linke Kulturkämpfer und ihre rechtspopulistischen Brüder im
Geiste kultivieren das Freund-Feind-Denken Carl Schmitts. Gedacht war
diese Unterscheidung als Kritik am Liberalismus, weil dieser in der
Politik nicht den Kampf bis zum Äussersten sieht. Liberale pochen darauf,
dass die Menschen genügend gemeinsame Interessen haben, um diese durch
Märkte und Verträge, also durch Instrumente des Ausgleichs, zu verfolgen.
Schmitt hielt das für apolitisch, weil für ihn das
Entweder-oder und nicht der Kompromiss das Wesensmerkmal der Politik war.
Im Parlament behalten noch die Liberalen aller Couleur die Oberhand. Im
Internet dominieren hingegen die Anhänger der Maximalforderung, späte
Epigonen des preussischen Staatsrates Schmitt und zugleich moderne
Kulturkrieger. Sie befinden sich im Aufwind, und sie sind meist rot, grün
und jung.
Ein Viertel der neuen SPD-Bundestagsfraktion besteht aus
Jusos. Sie liessen schon einmal Wolfgang Thierse spüren, was sie von ihm
halten, als er es wagte, gegen die Identitätspolitik das Vermächtnis der
Aufklärung anzuführen. Thierse ist kein verrückter Populist, sondern
verdienter Sozialdemokrat. Die Attacken auf ihn umwehte ein Hauch von
Kulturrevolution, als Genossen Genossen zu Geständnissen und Widerrufen
zwangen.
«Dass die Jusos mit 49 Mitgliedern im Bundestag bei den
Koalitionsverhandlungen mit am Tisch sitzen, ist doch
selbstverständlich», sagt die Jusos-Chefin Jessica Rosenthal im
«Spiegel». Das ist mehr Wunsch als Wirklichkeit, weil in den Gesprächen
die Moderaten aller Parteien den Ton angeben.
Aber der Machtanspruch lässt sich nicht überhören und findet
nun im Bundestag eine Bühne. Gerade hat Olaf Scholz, ein Vertreter der
alten Linken, konsensorientiert und jeder Empörung abgeneigt, an den
Wahlurnen gesiegt. Doch die neue Linke wirkt vitaler und dynamischer. Die
alte Linke gewinnt Wahlen, die neue Linke aber gewinnt die
Deutungshoheit. Und sie hat intellektuelle Verbündete, etwa in der
Friedrich-Ebert-Stiftung.
Diese unterstellt den traditionellen Wählern der
Sozialdemokratie «gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit», weil diese für
«Heterosexismus» eintreten und darauf beharrten, dass sie als Deutsche
Vorrechte gegenüber Asylbewerbern genössen.
Wer den in der arabischen Gemeinschaft grassierenden
Antisemitismus bekämpft (und nicht nur den genauso widerlichen
Antisemitismus von Deutschen), sieht sich rasch mit dem Vorwurf der
Islamfeindlichkeit und des Rassismus konfrontiert.
Die Kopie ist nicht glaubwürdiger als das Original
Identitätspolitik, überzogene Anti-Rassismus-Rhetorik und
andere Hervorbringungen einer von den meisten existenziellen Sorgen
ziemlich freien Wohlstandsgesellschaft werden im Parlament ihren
Niederschlag finden. Zwar vollzieht der Bundestag gerade in der Gesellschaftspolitik
nur das nach, was sich andernorts längst vorbereitete.
Deshalb ist es für die Kulturkämpfer so wichtig, dass sich
ihre Botschaften und ihr Stil im vorpolitischen Raum, in den sozialen
Netzwerken und einigen traditionellen Medien durchgesetzt haben. Sie
haben die kulturelle Hegemonie errungen und werden versuchen, Kritiker
der neu-linken Ideologie weiter zu delegitimieren.
Warum aber findet die Dauerempörung, der selbst Tweets einer
Pubertierenden nicht zu unbedeutend sind, immer mehr Anhänger unter
liberalen und liberal-konservativen Kräften?
Vermutlich ist das genauso ein Indiz dafür, wie sehr sich
bürgerliche Politik in der Defensive befindet, wie der lamentable Zustand
von CDU und CSU. Es handelt sich also um ein Krisensymptom.
Die Werte und Haltungen einer unaufgeregten Bürgerlichkeit
sind auf dem Rückzug, so dass sich deren Vertreter der Sprache ihrer
Gegner glauben bedienen zu müssen, um noch Gehör zu finden. Mit ähnlicher
Verbissenheit wie auf der Gegenseite werden dann alte Twitter-Einträge
durchforstet und Likes auf zweifelhafte Sympathiebekundungen abgeklopft.
Doch die Kopie ist selten glaubwürdiger als das Original. Wer die eigenen
Überzeugungen und den eigenen Stil aufgibt, schwächt sich selbst.
«When they go low,
we go high.» An dieses Zitat
von Michelle Obama haben sich zwar die US-Demokraten nie gehalten, und
doch ist es die beste Strategie, um den politischen Rändern Paroli zu
bieten: sich nicht auf den abschüssigen Pfad bis zur Hassrede zu begeben,
sondern im Gegenteil der verbalen Verrohung Mass und Mitte
entgegenzusetzen. Das gilt auch dann, wenn man sich einer Übermacht
erwehren muss.
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