Auch Heilige haben ihre Schattenseiten
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl wartet der Theologe Robert M. Zoske mit einer detailreichen Biographie zu Deutschlands bekanntester Widerstandskämpferin auf. 80 Seiten Fußnoten machen deutlich: Hier hat ein Autor gründlich gearbeitet, ist ein Historiker jeder noch so kleinen Spur nachgegangen.
In elf Kapiteln zeichnet er das Sein von Sophie Scholl als Tochter, Hitlermädchen, Konfirmandin, Schülerin, Geliebte, Kindergärtnerin, Arbeitsmaid, Briefpartnerin, Studentin, Rebellin und Märtyrerin nach. Auf 288 Seiten stellt Zoske heraus: Sophie Scholl wurde nicht als Widerständige geboren, war nicht diese heilige, geglättete und überhöhte Ikone, zu der sie in der Nachkriegsgeschichte gemacht wurde.
Im Gegenteil: Sie war bis in die 1940er Jahre Anhängerin des NS-Systems. Sie war keine liberale Demokratin, sondern dachte christlich-elitär und nationalkonservativ. Sie war auch nicht der Kopf der späteren studentischen Widerstandsgruppe. Ihr war auch nicht der Mut in die Wiege gelegt. Ihr Charakter weist durchaus Widersprüche und Ungereimtheiten auf.
Indem der Autor mit dem Buch der „Saulus-Paulus-Konversion“ aufräumt, welche Inge Aicher-Scholl nach dem Krieg verbreitete, stößt er Sophie Scholl vom (himmlischen) Sockel und macht deutlich: Ihre Stärke liegt gerade darin, als Widersprüchliche, Fragende, hineingewachsen zu sein, in die mutige Klarheit: „Wenn es die Männer nicht machen, muss es eben eine Frau tun! Ich schweig nicht!“
Die Lektüre ist ein Muss für alle, die sich ein vertiefendes Bild von Sophie Scholl machen wollen oder sich heute (fälschlicherweise) vorschnell und unreflektiert auf sie berufen. Absolut lesenswert sind im Anhang die berührenden Aufzeichnung ihrer Zellengenossin Else Gebel und die Auszüge der Ermittlungsakten von Robert Mohr, die in einem klaren, mutigen, gereiften und sie das Leben kostende Bekenntnis gipfeln: „Ich bin der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungswiese erwachsen, auf mich nehmen.“
Von Rüdiger Jope
Sophie Scholl: Es reut mich nichts: Porträt einer Widerständigen
Gebundene Ausgabe
Dr. Robert M. Zoske (Autor)
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