Freitag, 20. August 2021

20.08.2021 - Scholl-Latour

Das Afghanistan-Desaster vorausgesagt

Der deutsche Journalist Peter Scholl-Latour lag richtig , in der kulturpessimistischen Analyse dem Philosophen Oswald Spengler folgend, als er in jenem Buch das aktuelle NATO-Desaster in Afghanistan voraussagte:

„In den Talk-Shows über Afghanistan offenbart sich eine skandalöse Diskrepanz zwischen den nüchternen, meist pessimistischen Aussagen all derer, die sich an Ort und Stelle aufhielten und in engem Kontakt mit der dortigen Bevölkerung lebten – darunter befinden sich auch die Repräsentanten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz -, und einer Riege von besserwisserischen, beschwichtigenden Politikern jeder Couleur, die sich krampfhaft an getürkte Statistiken und folgenschwere Fehleinschätzungen klammert. Die traurige Realität am Hindukusch wird in Berlin konsequent negiert.“

Für Scholl-Latour war der Krieg, der nicht so genannt werden durfte, bereits verloren, bevor die Bundeswehr in ihn geschickt wurde. Aus seiner Sicht agierten die Politiker wider den Willen ihrer Völker und untergruben gleichzeitig die Chancen der Soldaten, ihrem Auftrag in irgendeiner Weise gerecht zu werden. So stellte er die Frage, was man von einem Bundestag halten solle, der eine Aufstockung der deutschen Afghanistan-Präsenz beschlossen habe, sich jedoch in moralischen Vorwürfen gegen die eigenen Soldaten ergehe. Er fügte mit Blick auch auf das Irak-Abenteuer der USA hinzu: „Wenn unsere maßgeblichen Parlamentarier außerstande sind, die jüngsten Ereignisse zu deuten und stattdessen gezielten Fälschungen erliegen, wie verhält es sich dann erst bei ihrer Bewertung weiträumiger geschichtlicher Vorgänge. Auf welches Augurenspiel der Zukunftserkundung lassen sie sich dann ein?“ – Die Bigotterie und Bildungslosigkeit der deutschen Parlamentarier verursachte für ihn mit dem Einsatz in Afghanistan einen Schlüsselfehler deutscher Außenpolitik.

Scholl-Latour hatte begriffen, dass selbst eine hochgerüstete und dem Gegner technisch um ein Vielfaches überlegene Armee verlieren musste, wenn ihr ein konkretes, nationales Kriegsziel fehlte und sie Krieg gegen ein Volk mit fremder Kultur führt. So hatte der Weitgereiste schon früh prophezeit: Das Afghanistan-Abenteuer wird für den europäischen Kulturkreis zur Katastrophe werden: „Es gibt keine NATO-Kontrolle über Afghanistan, weder im umkämpften Süden und Osten noch im relativ ruhigen Norden, wo die Bundeswehr ihre Schutzburgen aufgebaut hat.“ Er sollte Recht behalten.

Selbst das schmähliche Ende sah er bereits im Jahr 2007. Auf die Frage, warum er den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan fordere, antwortete Scholl-Latour: „Weil der Afghanistan-Krieg nicht gewonnen werden kann! Ganz einfach! Obendrein wird der Krieg auch noch unzureichend geführt: Es existieren weder ein Worst-Case-Szenario noch eine Exit-Strategie. Das heißt, man hat sich keine Gedanken darüber gemacht, was man tut, wenn die Situation sich plötzlich dramatisch verschlechtern sollte, beziehungsweise wie man langfristig aus der Situation herauskommt. Das aber sind die Grundvoraussetzungen für eine verantwortungsbewusste militärische Intervention. Die Regierung in Berlin dagegen nimmt die Warnungen der militärischen Kommandeure im Land, des BND und unseres Botschafters in Kabul einfach nicht zur Kenntnis, sondern opfert sie bündnispolitischen Erwägungen.“ Er sollte auch damit Recht behalten.

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