Die Freunde und Soldaten-Kameraden Heinrich von Kleist (ledig) und Ernst
von Pfuel (verheiratet, 6 Kinder) hatten Schwierigkeiten in ihrem engen
Verhältnis ... deshalb dieser Kleist-Brief ... ein Bettelbrief ...
lieber Nico ... ein schöner Brief von einem jungen Mann zu einem anderen
jungen Mann ...
An Herrn Ernst von Pfuel, ehemals Lieutenant im Regiment Sr. Majestät des Königs, Hochwohlgeb. zu Potsdam.
Du
übst, du guter, lieber Junge, mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche
Gewalt über mein Herz aus, und ob ich Dir gleich die ganze Einsicht in
meinen Zustand selber gegeben habe, so rückst Du mir doch zuweilen mein
Bild so nahe vor die Seele, daß ich darüber, wie vor der neuesten
Erscheinung von der Welt, zusammenfahre.
Ich werde jener
feierlichen Nacht niemals vergessen, da Du mich in dem schlechtesten
Loche von Frankreich auf eine wahrhaft erhabene Art, beinahe wie der
Erzengel seinen gefallnen Bruder in der Messiade, ausgescholten hast.
Warum kann ich Dich nicht mehr als meinen Meister verehren, o Du, den
ich immer noch über alles liebe? – Wie flogen wir vor einem Jahre
einander, in Dresden, in die Arme!
Wie öffnete sich die Welt
unermeßlich, gleich einer Rennbahn, vor unsern in der Begierde des
Wettkampfs erzitternden Gemütern! Und nun liegen wir, übereinander
gestürzt, mit unsern Blicken den Lauf zum Ziele vollendend, das uns nie
so glänzend erschien, als jetzt, im Staube unsres Sturzes eingehüllt!
Mein, mein ist die Schuld, ich habe Dich verwickelt, ach, ich kann Dir
dies nicht so sagen, wie ich es empfinde. –
Was soll ich,
liebster Pfuël, mit allen diesen Tränen anfangen? Ich möchte mir, zum
Zeitvertreib, wie jener nackte König Richard, mit ihrem minutenweisen
Falle eine Gruft aushöhlen, mich und Dich und unsern unendlichen Schmerz
darin zu versenken. So umarmen wir uns nicht wieder! So nicht, wenn wir
einst, von unserm Sturze erholt, denn wovon heilte der Mensch nicht!
einander, auf Krücken, wieder begegnen.
Damals liebten wir
ineinander das Höchste in der Menschheit; denn wir liebten die ganze
Ausbildung unsrer Naturen, ach! in ein paar glücklichen Anlagen, die
sich eben entwickelten. Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen
Enthusiasmus der Freundschaft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen
in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du
lieber Junge; so umarmte Dich meine ganze Seele! Ich habe Deinen schönen
Leib oft, wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit
wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet.
Er könnte wirklich
einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer gewesen
wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen. Dein
kleiner, krauser Kopf, einem feisten Halse aufgesetzt, zwei breite
Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der
Stärke, als ob Du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus
geblutet, nachgebildet wärest. Mir ist die ganze Gesetzgebung des
Lykurgus, und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge, durch die
Empfindung, die Du mir geweckt hast, klar geworden.
Komm zu mir!
Höre, ich will Dir was sagen. Ich habe mir diesen Altenstein lieb
gewonnen, mir sind die Abfassung einiger Reskripte übertragen worden,
ich zweifle nicht mehr, daß ich die ganze Probe, nach jeder vernünftigen
Erwartung bestehen werde. Ich kann ein Differentiale finden, und einen
Vers machen; sind das nicht die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit?
Man wird mich gewiß, und bald, und mit Gehalt anstellen, geh mit mir
nach Anspach, und laß uns der süßen Freundschaft genießen. Laß mich mit
allen diesen Kämpfen etwas erworben haben, das mir das Leben wenigstens
erträglich macht.
Du hast in Leipzig mit mir geteilt, oder hast
es doch gewollt, welches gleichviel ist; nimm von mir ein Gleiches an!
Ich heirate niemals, sei Du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel! Geh
nicht weiter auf dem Wege, den du betreten hast. Wirf Dich dem
Schicksal nicht unter die Füße, es ist ungroßmütig, und zertritt Dich.
Laß es an einem Opfer genug sein. Erhalte Dir die Ruinen Deiner Seele,
sie sollen uns ewig mit Lust an die romantische Zeit unsres Lebens
erinnern. Und wenn Dich einst ein guter Krieg ins Schlachtfeld ruft,
Deiner Heimat, so geh, man wird Deinen Wert empfinden, wenn die Not
drängt. –
Nimm meinen Vorschlag an. Wenn Du dies nicht tust, so
fühl ich, daß mich niemand auf der Welt liebt. Ich möchte Dir noch mehr
sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Adieu. Mündlich ein
mehreres.
Heinrich v. Kleist.
Berlin, den 7. Januar 1805
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