Sonntag, 3. Oktober 2021

03.10.2021 - Deutsche Einheit

Meinung - Deutsche Einheit
Jeder kurze Blick zurück beweist unser Glück
 
Bröckelnde Baudenkmäler, giftige Fabriken und Stasi-Schnüffler in der eigenen Familie: Es tut uns gut, sich die Abgründe der DDR hin und wieder bewusst zu machen. Nur wenn wir uns erinnern, wie es war, können wir erkennen, wie gut es in Deutschland heute ist. 
 
Die erste Dienstfahrt im Osten, 1991, führte nach Leuna, wo die Schlote noch qualmten. Zentimeterdick lag pulvriger Dreck auf den Dächern, die Wäsche an der Leine davor war gelblich-weiß. Man musste das Zeug mit dem Eiskratzer von der Windschutzscheibe schieben, bevor man wieder losfahren konnte. Wie Silber glänzte trügerisch die Oberfläche des Sees bei Wolfen, doch wer ins Wasser ging, der wurde krank, durch die Chemie, die die Orwo-Fabrik einleitete, um die angeblich besten Filme der Welt herzustellen.
 
In Dresden lag das Schloss in Trümmern, ein verrottender Kadaver sächsischer Pracht und sächsischen Stolzes. Das sollte so. Es war den Sozialisten Symbol dafür, dass die Alte Welt überwunden war. In der Semperoper gegenüber aber feierte sich das System trotzdem und ließ seine Büttel dort singen und tanzen. Das war 1987, auf der Klassenfahrt.
Wracks waren nicht nur die Orte. Als der junge FDJler, der mit uns einen Nordhäuser Doppelkorn nach dem anderen soff (kostete ja nur ein paar Groschen), ehrlich wurde und auf das System schimpfte, kam eine Frau und kündigte ihm an, dass sie ihn bei den zuständigen Stellen melden müsste. Wer, fragten wir, war die Frau? Meine Schwester, sagte er. 
 
Der Stasi-Offizier, der uns eine Woche lang begleitete und uns die Überlegenheit der Planwirtschaft schilderte, bettelte am Ende darum, dass wir ihm im Intershop einen Walkman von Sony kaufen würden.
Aber das sind nur noch Erinnerungen. Nichts davon gibt es mehr.
 
Blühende Landschaften dort, wo einst das Gift in den Grund gepumpt und in die Luft geblasen wurde. Das Dresdner Schloss steht in altem Stolz. Stralsund, Heringsdorf, Rheinsberg, Potsdam so schön, als ob es Kulissen wären. Von Leipzig starten Flüge nach Las Vegas und Florenz. Sicher: Unsympathen gibt es noch, wie überall. Aber sie haben nichts mehr zu melden.
 
Nur, wenn wir uns erinnern, wie es war, können wir erkennen, wie es heute ist. Ein Freudentag für unser wiedervereinigtes Land.
Von Peter Huth / WELT

 

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