Seit der Publizist Eric Zemmour seine Kandidatur für die französische Präsidentschaft bekanntgegeben hat...
... findet eine Art Staffelübergabe am rechten Rand statt. In den vergangenen Jahren galt Marine Le Pen vom Rassemblement national als Schreckgespenst der Französischen Republik, nun wird sie von Zemmour abgelöst. Die «Süddeutsche Zeitung» titelt: «Rechter als Le Pen». Diese Einschätzung ist bestimmt korrekt. Gleichzeitig hat sie auch etwas Komisches. Denn bereits Marine Le Pen gilt als Rechtsextremistin; und rechter als rechtsextrem geht schon fast nicht mehr.
Einige Medien neigen dazu, sich auf einen Bösewicht zu konzentrieren. Und anstatt dieser Figur mit analytischer Schärfe zu begegnen wie anderen Politikern auch, wird gegen sie ein moralischer Abwehrkampf geführt, bis die nächste Figur auftaucht, die noch rechter ist. Symptomatisch konnte man dies in Deutschland bei der AfD beobachten: Zuerst wurde vor dem Ökonomie-Professor Bernd Lucke gewarnt, dann vor der Chemikerin Frauke Petry – der «Spiegel» inszenierte sie 2016 als Wiedergängerin Adolf Hitlers –, schliesslich vor dem Volkswirt Jörg Meuthen. Mittlerweile gilt selbst dieser als verhältnismässig gemässigt, wenn man sich den völkischen Radikalismus eines Björn Höcke vergegenwärtigt.
«Ein Nazi ist dieser Mann nicht»
Der schwarze Peter, wenn man so will, wurde jeweils mit dem Amt des Bundessprechers weitergereicht, während sich die Ehemaligen in langen Interviews mit den Medien versöhnt haben. Besonders Luckes Reue wurde verdankt. Als der einstige Gründer der AfD an seine Universität zurückkehrte und von Demonstranten als «Nazi-Schwein» beschimpft wurde, schritten manche Medien ein. «Ein Nazi ist dieser Mann nicht», schrieb der «Focus». Diese Negation darf in einer deutschen Zeitung schon fast als flammende Verteidigung gelesen werden.
Alles ist eine Frage der Relationen, das trifft auch auf die Beurteilung von rechten Politikern zu. George W. Bush galt in Europa am Ende seiner Amtszeit als Kriegsgurgel und etwas trotteliger Cowboy-Präsident. Bis Trump kam und die Skala der Verachtung in eine neue Dimension rückte. George W. Bush inszenierte der «Spiegel» als abgekämpften und lädierten Rambo. Trump hingegen liess man auf dem Cover die Freiheitsstatue köpfen, eine Ku-Klux-Klan-Mütze tragen und als riesenhaften Feuerball auf die Erde zu stürzen: «Das Ende der Welt».
Wir sind noch da. Und können gerade bei Bush und Trump erstaunlich unterschiedliche Massstäbe feststellen: Der eine zettelte einen sinnlosen Krieg mit Zehntausenden von Toten an. Der andere verstand sich darauf, die Gesellschaft zu polarisieren und mit Falschinformationen zu versorgen. Er machte so zweifelhafte Anregungen, wie Desinfektionsmittel in den Körper zu spritzen, um sich vor Corona zu schützen. Und wiegelte seine Anhänger vor dem Capitol auf. Wessen Politik war verheerender? So leicht, wie es die «Spiegel»-Cover suggerieren, ist die Frage nicht zu beantworten.
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